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Prof. Dr. Lesch – eine erfrischende Persönlichkeit

Es war im Jahr 1999. Ich bilde mir ein, dass das Wort „Zappen“ in letzter Zeit mehr und mehr in Vergessenheit gerät. Der Grund dafür dürfte sein, dass nicht mehr gezappt sondern gestreamed oder man schlicht online ist. Man „zappte“ durch die Fernsehsender (called „Röhre“) und wechselte schnell von Programm zu Programm. Man blieb dann „hängen“ in mehr oder minder wichtigen oder unwichtigen Sendungen, verstrickt, „zappte“ dann weiter, nach meist wenigen Sekunden. So konnte man bei TV via Satellit mit über 30 Kanälen mehrere Minuten bis zur nächsten Runde verbringen.

Zapp, zapp – es war an einem Sonntag – Zapp und halt. Ein vermutlich Mitte Vierziger (jetzt weiß ich: als JG 60 war er damals schon Ende der 40er) erklärte Dinge in einer Klassenraum-Kulisse. Ich bin mir sicher: es ging um Eta Carinae. Was oder besser: wer war das? Die Sendung fesselte nicht nur mich. Jeden Sonntag alle zwei Wochen lauschten wir dem Mann, dem es leicht fällt – noch heute – komplexte Themen einfach zu erklären.

Über praktisch 2 Jahrzehnte folge ich nun dem Prof. Harald Lesch aufmerksam und interessiert. Er brachte einen zum Nachdenken – sicherlich eines seiner wichtigsten Ziele –  mit seinen Serien „Frag den Lesch“, den „Terra X“-Folgen oder eben über fast 10 Jahre mit „Alpha Centauri“. Dann war er mit dem Dr. Gassner unterwegs und teilte Sendezeit mit Diskussionen über Gott und seiner Welt mit dem katholischen Pfarrer Thomas Schwartz. Seit langem höre ich auch regelmäßig seinen Vorträgen über Streamingkanäle. Seine kritischen Bücher gehören regelmäßig zu den Bestsellern. Seien es Quantenphysik, Schwarze Löcher, den Naturkonstanten, Zeitreisen, Themen über Umwelt: Er inspiriert definitiv und über ihn kommt man in Kontakt mit Weizenbaum, Schellnhuber oder auch Einstein oder Hawking.

Und heute war es soweit: die „Neuen Energien West“ unter Wolfgang Haberberger schafften es, Prof. Dr. Harald Lesch in die Oberpfalz nach Kemnath in die Mehrzweckhalle einladen zu können.

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Eintrittskarte Harald Lesch, gezeichnet, 20.07.2019

Er fuhr vor – mit einem roten Kleinstwagen mit Münchener Autonummer, ich erinnere mich an einen Clio oder Aygo – mit zwei Türen. Er packte seine Tasche und ging ganz locker durch die Menge, verblieb kurz für ein Selfie mit einem Fan, ging dann weiter, an den Schlangen vorbei, grüßte die Besucher, und hinein in die Mehrzweckhalle Kemnath.

Dann verbaute er sein Laptop vom Typ SONY VAIO, unterhielt sich mit dem Organisator Haberberger, sprach mit einigen der Gäste, testet die Technik, schenkte sich sein alkoholfreies Bier ein und fertig. Ein ganz normaler Typ, aus der Ferne sehr sympatisch – eben so, wie wir ihn aus seinen Serien kennen lernen durften.

Harald Lesch Mehrzweckhalle Kemnath
Harald Lesch in der Mehrzweckhalle Kemnath am 20.07.2019

Um 19.00 Uhr stellte Haberberger die Gästeliste vor, erklärte Sinn und Zweck von „Neue Energien West e.G“ (lesen Sie bitte nach, die Sache macht absolut Sinn!) und übergab dann an Lesch. Der Vortrag war sehr interessant. Kennt man seine Vorträge, die über Streamingdienste bereit gestellt werden, findet man sich wieder. Aber stets bringt Lesch keine alten Kalauer-Fakten: An Board hatte er die neusten Ergebnisse der Copernikus-Satelliten aus Juni und Juli 2019 sowie die CO2-Ergebnisse der Referenzstationen Mauna Loha, Hawaii. Die zeigen, dass die CO2-Emissionen erstmals den (wiederum) kritischen Wert von 400 ppm erreichten.

Auch nach seinem Vortrag mit gut 1 Stunde stand Lesch noch für viele Fragen zur Verfügung, auf die er wie immer ausgiebig antwortetet. Selbst nach der Fragerunde, als Haberberger die Runde schloß und die Besucher verabschiedete, stellte er sich Selifies, persönlichen Worten und Autogrammen. Man geht gerne hin zu ihm, man hat keine Scheu einige Worte mit ihm zu wechseln, er ist nahbar für seine Umwelt. Danach startete er den roten Kleinwagen und fuhr in aller Ruhe weg.

Highlights: Er verlangte für den Vortrag keine Gage. Der Veranstalter spendete den Betrag für einen guten Zweck (www.meals4hope.org), es waren ca. 800-1000 Besucher anwesend. Er beteuerte wiederum, dass sich keine merkbaren Änderungen im CO2-Verhalten einstellen. Erstmal maß man in 2019 auf Hawaii über 400 ppm. (Anmerkung von mir: in einschlägiger Literatur wurde vor 10 Jahren schon vor der Grenze bis 380 ppm hinsichtlich des Kippelementes gewarnt).  Wir kippen keine Dominosteine mehr, dessen Auswirkungen wir als gering erachten bzw. nicht einschätzen können, wir kippen einen ganzen Tisch mit vielen Dominosteinen. Wiederum sprach er die SUVs mit einem Gewicht von 2t an um Kindersitze mit 20 kg Nachwuchs sicher in die Schule bringen zu können.

Fazit: in „echt“ sind seine Vorträge kurzweilig mitunter zum Schmunzeln, lehrreich. Ach. Was sage ich: Ein toller Mensch.

Humanismus und Technologie

Ich möchte an dieser Stelle eine Erklärung und Stellungnahme zum Begriff Humanismus vermeiden. Seit Jahrhunderten diskutieren und streiten mehr oder weniger Fachleute über Humanismus und wie jemand ist, der sich damit identifiziert und wie er dann nicht sein darf. Ich sehe den Humanismus als eine Möglichkeit, miteinander über Grenzen hinweg leben zu können.  Stellt man den Anthropozentismus – also den Mensch – nicht zwingend in den Mittelpunkt, denn das macht der Humanismus nicht automatisch, dann hat sogar die freie Wahl – frei im den Sinne, den die westliche Welt als frei kennt – der Ausübung religiöser Zeremonien noch Platz.

Der Humanismus also. Wie steht es im Humanismus mit der Technologie, die uns umgibt?

Ein Ereignis, das ich im Oktober 2014 interessiert verfolgte, zeigte mir zum wiederholten male, dass wir – der Homo Technologicus der modernen Welt – unseren Kurs überdenken sollten.

Es war die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den Informatiker Jaron Lanier [tschaeron lani-e]. Freilich möchte ein solches Ereignis in unserer Zeit Aufmerksamkeit auf sich ziehen, was in diesem Falle funktioniert hat. Sieht und hört man sich diesen Jaron Lanier näher an, erkennt man, dass er durch und durch Informatiker ist. Er spielt nicht nur auf Musikinstrumente, die vor 7000 Jahre bereits bestanden und gespielt wurden. Er bezeichnete Frank Schirrmacher als ein Licht in unserer Welt, das uns fehlen würde. Er gibt sich als Versteher, als ein Checker. Er sieht die Dinge klar, die vor sich gehen und wohin der Weg führen kann. Er ist Fellow an renomierten wissenschaftlichen Einrichtungen in den USA und er ist Softwareentwickler bei einem namhaften Hersteller, was ihn fachlich abhebt. Er versucht einen Weg zu definieren, auf dem alle Menschen die Technologie zu ihrem Gute nutzen können.  Einige seiner Aussagen und Gedanken möchte ich hier kurz nennen, die er u.a. in der Paulskirche in Frankfurt am 12.10.2014 in seiner Dankesrede verlauten lies:

  • die digitalen Netzwerke dieser Welt sollen dem Menschen zu Gute kommen. Dieser „digitale Kulturoptimismus“ sollte nicht benutzt werden um mit ausgefeilten Algorithmen letztlich das menschliche Tun vorhersagen zu können. Er nennt als Beispiel die digitalen Netzwerke um Energie, den Mangel sowie den Überschuss dessen über große Distanzen hinweg erkennen und mit Hilfe von Solarstrom ausgleichen zu können.
  • die gegenwärtige Nutzung digital-vernetzter Medien sorge erst für die Möglichkeit der Überwachung der Benutzer, die das nicht erkennen. Das Sammeln von Daten erschaffe eine Klasse ultraelitärer, unberührbarer Technologen, die als kleine Gruppe Zugriff auf das Datenuniversum der Nutzer habe.
  • In der Onlinewelt (gemeint sind hier v.a. die Sozialen Netzwerke) führe die These und Antithese nicht mehr zu einer höheren Synthese. Hegel definierte den Vorgang als Weg zum wissenschaftlichen Standpunkt. Lanier vergleicht: „Hegel wurde enthauptet“.
  • Der Blick auf das große Ganze kann nur mit Medien geschehen, die außerhalb des großen Ganzen erstellt werden. Buchautoren teilen in Momenten mit dem Lesern gemeinsame Gedanken. Bücher stellen eine gedankliche Verbindung von Autor und Leser her. Heute gehen Bücher mit der Pflicht einher, Zeugnisse über Leserverhalten abzugeben um wiederum von wenigen mächtigen Stellen analysiert und bewertet zu werden.
  • Der Glaube an das menschliche Wesen solle dem Glauben an die Maschinen vorkommen. Der Glaube an den Menschen sei vereinbar mit dem Glaube an Gott. Technologen sollten zumindest versuchen, den Menschen als solchen wahrzunehmen.

Letztlich sind es Freundschaften, Familien die den Menschen ausmachen, erstaunenswert machen und wirken lassen und auf das dieser sich verlassen sollte.

Aber wieso bringe ich hier Jaron Lanier? Es gab noch einen anderen Augenblick in der nahen Vergangenheit. Es war 2008 im März. Es starb ein anderer Pionier, der Computer und Netzwerke geprägt hat. Joseph Weizenbaum war es, der wenige Monate vorher noch Interviews gab und es bis zuletzt nicht lassen konnte, mit gehobenen Zeigefinger den User zu warnen, dass der gegenwärtige Weg, sich von Maschinen abhängig zu machen, falsch sei.

  • Wenn der Computer Einsatz findet, kann diese Entwicklung nicht rückgängig gemacht werden. Er nennt Banken- und Börsensoftware als Beispiel. Er sprach damals in den 80ern von „künstlichen Intelligenzprogrammen“ – heute würde er Algorithmen sagen. Der Hebel könne nicht mehr zurückgelegt werden, wenn die Maschinen lebenswichtige Dienste ausführen würden.
  • Der Mensch verlasse zu schnell die Realität und findet so die Partnerschaft zu der Maschine. Er traut der Maschinen zu schnell zuviel Kraft zu.
  • Programme zur künstlichen Intelligenz (es ging um das von ihn selbst in 1966 entwickelte „Eliza“) geben Informationen aus, die der User schlicht falsch verstehen würde. Alleine die Aussage des Computerprogrammes „Eliza“ z.B. wie „Yes, i understand“ als Antwort auf von User eingegebe Wörter wie „Heute hatte ich einen schönen Tag“ bezeichnet der Autor der Software als „Lüge“.

Das Erlebnis mit Eliza muss ab 1966 prekär seine weitere Ansicht über die Maschine definiert haben. Er war enttäuscht wie schnell (es war damals eine Mitarbeiterin seiner Verwaltung) das Programm als ernster Kommunikationspartner akzeptiert wurde.

Bereits Anfang der 70er mahnte er publik („Die Zeit“ Hamburg, Ausgabe von Freitag, den 21. Januar 1972), dass der Mensch auf eine schwere geistige Krise zusteuern würde. Der Mensch traue der Maschine zu viel zu. Dieser ist ununterbrochen damit beschäftigt, darzulegen, der Computer beweise, dass der Mensch und seine intellektuelle Leistung doch nur eine Maschine aus Fleisch sei. Er verteufelte diese Ansichten: „Alleine eine solche These zu erwähnen bedeutet, dem Nutzen der Freiheit des Menschen, seiner Würde und seiner Anstrengung zu widersprechen“. Wie könne der Mensch sich das selbst nur antun?

Der Mensch solle versuchen, das Ende seiner Tätigkeit zu erkennen, zu erkennen wohin die Reise ginge. Und wenn er das vollendete Tun verantworten kann und wenn während der Entstehung und im letztlichen Nutzen ein Cancel möglich ist, dann solle der Mensch das tun was er für sinnvoll hält.

Der Mensch solle gegenseitigen Respekt üben und lernen bevor er sich an die Arbeit macht, er solle Vernuft dem Legen entgegen bringen und sich in Bescheidenheit besinnen.

Legendär war sein Auftritt auf dem Open Forum in Davos im Jahre 2008 (alles bei Youtube einsehbar) wo er wieder die künstliche Intelligenz kritisierte: „… und da wird ein absoluter Blödsinn gesagt, z.B. Sie sagen jetzt schon zwei mal – HALLO MIT IHNEN SPRECHE ICH – <its happening> und <es wird weitergehen> …“. Weizenbaum wetterte zurecht, dass die Audience keinen Ton von sich gibt, als der Wissenschaftler die KI prohezeit, die eh nicht verhindert werden kann. Der Gesprächspartner warf Weizenbaum vor „You are a little bit negativ“ wobei Weizenbaum den Faden aufnahm: „Nein, nicht nur ein little negativ, ich bin richtig negativ“ – prädikat Sehenswert, wie der Fachmann seine Meinung vertritt.

Am Ende meines Betrages erkennt man, dass obige beide Persönlichkeiten den Blick in die Büchse der Pandora geworfen haben und sich bekehrt haben.

Der Mensch müsse wieder eine bedeutendere Rolle bei der Suche seines selbst spielen. Eine Einstellung, die ich teilen möchte. Das Individuum in die Mitte rücken, den Menschen Mensch sein lassen. Seinen Glauben leben lassen, ihn akzeptieren, der wiederum weiß, dass er akzeptiert wird und ist – es wäre grandios!